Kriegen Sie die wieder rein?
Ein Jugendlicher steht vor einem leeren Regal und hofft darauf, eine im Preis reduzierte Spielekonsole zu ergattern. Was nach seiner Frage geschieht, führt weit über den Markt hinaus. Im hessischen Obertshausen wartet eine Warenmenge, deren Größe sich von dem Jugendlichen vor dem Regal im Markt kaum erahnen lässt.
Der Jugendliche hat den Karton vermutlich schon vor sich stehen gehabt. Er kennt ihn vielleicht aus einem Produktvideo oder hat ihn im Zimmer eines Freundes gesehen. Er kennt die Spiele und weiß ziemlich genau, wie sich die Konsole unter dem Weihnachtsbaum machen würde. Nun steht er im Elektronikmarkt vor der Stelle, an der sie stehen sollte. Das Preisschild ist zwar noch da, doch das Regal darüber ist leer.
„Kriegen Sie die wieder rein?“
Für den Mitarbeiter ist das eine alltägliche Frage. Er kann einfach im System nachsehen oder auf die nächste Lieferung verweisen. Vielleicht weiß er an diesem Nachmittag selbst noch nicht, wann neue Geräte eintreffen.
Der Jugendliche wartet währenddessen sehnlichst auf eine positive Antwort. Was er nicht überschauen kann, ist die Reichweite der Frage, die er gerade gestellt hat. Zwischen „ausverkauft“ und „wieder da“ liegt eine Warenbewegung, die sich vom Regal aus kaum erahnen lässt. Irgendwo muss bekannt sein, wie viele Geräte noch verfügbar sind. Aus dieser Menge entstehen neue Lieferungen, bis in einem Markt wieder ein Karton an der Stelle steht, an der der Jugendliche hoffend wartet.
Wie der Black Friday den deutschen Handel verändert hat
Im Jahr 2008 hätte man den Black Friday in Deutschland vielerorts noch erklären müssen. Der Begriff war bereits vereinzelt im Handel angekommen, gehörte aber nicht selbstverständlich zum Jahreslauf. Wer eine Spielekonsole suchte, wartete auf ein Weihnachtsangebot und studierte die Prospekte der Elektronikmärkte.
Halloween hatte einen ähnlichen Weg schon einige Jahre zuvor genommen. Was lange wie eine amerikanische Filmkulisse wirkte, tauchte in deutschen Vorgärten auf. Kinder klingelten an Türen, vor denen bis dahin nie ein Kürbis gestanden hatte. Für die nächste Generation gehörte der 31. Oktober bereits zum Herbst.
Der Black Friday kam stiller. Er veränderte keine Vorgärten, dafür aber die Erwartung an den letzten Freitag im November. Aus einem fremden Namen wurde ein Aktionstag und bald sogar eine Aktionswoche, denn ein einzelner Tag reichte einfach nicht mehr aus. Der Handel begann früher mit den Angeboten, während sich das Geschehen zunehmend aus den gedruckten Prospekten auf die Bildschirme verlagerte.
2018 erwartete der Handelsverband Deutschland an Black Friday und Cyber Monday einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro. Für 2025 lag die Prognose bei 5,8 Milliarden Euro. Innerhalb weniger Jahre ist um einen Termin, den in Deutschland lange kaum jemand kannte, ein beträchtlicher Markt entstanden, so zeigt es der Vergleich des Handelsverbandes Deutschland für 2018 und 2025.
Der Jugendliche vor seinem leeren Regalplatz kennt diese Zahlen nicht. Er erlebt den Black Friday als das Versprechen, dass für kurze Zeit etwas erreichbar werden könnte, das sonst zu teuer ist. Gerade bei einer Spielekonsole gehört die Vorfreude längst zum Produkt. Man sieht sich selbst schon spielen, bevor man mit dem Karton überhaupt durch die Kasse ist. Dann ist das Angebot da und die Ware nicht. Ein Teil der Antwort auf seine Frage steht im hessischen Obertshausen.
Was 60.000 Spielekonsolen im Fulfillment bedeuten
In der Halle der Mühle GmbH stehen rund 60.000 Spielekonsolen. Auf dem heimischen Bildschirm ist Black Friday eine Ansammlung roter Preise und hier sieht er aus, wie eine Landschaft geformt aus Kartons, die bis weit in die Halle reicht. Die Zahl lässt sich zwar leicht aussprechen, doch vor Ort verliert sie für den Ungeübten ihre Übersichtlichkeit. Zwischen den Kartons bleiben Wege frei, auf denen die Ware bewegt wird. Die Reihen folgen einer Ordnung, die erkennen lassen muss, was bereits erfasst wurde und was noch auf den nächsten Arbeitsschritt wartet. Der erste Eindruck erinnert an einen Ameisenstaat. Überall ist etwas in Bewegung. Menschen gehen zwischen den Reihen hindurch, während die Ware ihren Platz wechselt. Wer eine Weile zusieht, erkennt in dem vermeintlichen Gewimmel einen Ablauf. Die Wege sind vorgesehen.
Auch bei dieser Menge soll jeder Karton dorthin gelangen, wo er gebraucht wird.
Eine einzelne Spielekonsole kommt in wenigen Augenblicken vom Wareneingang an ihren vorgesehenen Platz. Bei 60.000 Geräten wird aus diesem kurzen Weg eine Aufgabe, die große Teile der Halle beschäftigt.
Noch sind die Angebote des Handels weder online noch in den Prospekten veröffentlicht.
Die Ware, auf die später viele Menschen warten werden, ist längst da. Zunächst wird die angelieferte Menge mit dem Auftrag abgeglichen und im System erfasst. Danach gelangt sie an den Platz, den Mühle für ihren weiteren Weg vorgesehen hat.
Bei Mühle gehört diese Arbeit zum Fulfillment. Das Unternehmen übernimmt Ware, hält sie verfügbar und stellt daraus die Sendungen zusammen, die der Auftraggeber benötigt. Die Konsolen bleiben dabei nicht als ein einziges großes Gebinde in der Halle. Nach den Vorgaben des Auftrags werden sie bestimmten Lieferungen zugeordnet und für den Versand bereitgestellt. Das ist klassisches Fulfillment.
Die Größe des Auftrags zeigt sich an Handgriffen, die bei einem einzelnen Gerät kaum auffallen würden. Ein zusätzlicher Weg von wenigen Metern beansprucht nur einen Moment. Wenn er sich durch die Halle fortwährend wiederholt, verändert er den Arbeitstag. Deshalb entscheidet die Anordnung der Ware mit darüber, wie viele Geräte ihren vorgesehenen Weg bewältigen können. Auch der Platz zwischen den Kartons gehört zum Auftrag. Dort bewegen sich die Menschen, die mit der Ware arbeiten. An einem Ende kann eine neue Lieferung eintreffen, während andernorts bereits versandfertige Einheiten warten. Das System hält fest, welche Ware ihren Platz gewechselt hat.
Nach und nach werden die Reihen kürzer. Wo zuvor Spielekonsolen standen, kommt der Hallenboden wieder zum Vorschein. Die große Menge verteilt sich auf Lieferungen, die Obertshausen nacheinander verlassen.
Im Markt sieht niemand, wie viel Raum sie einmal eingenommen hat. Wenn der Jugendliche einige Tage später wieder vor dem Regal steht, interessiert ihn weder die Lagerordnung noch die Zahl der Geräte, die gemeinsam mit seiner Konsole in einer Halle standen. Er sieht nur, dass die leere Stelle wieder gefüllt ist. Das Preisschild ist noch da und weist den erhofften Preisnachlass aus und darüber steht ein Karton. Die Antwort auf seine ursprüngliche Frage steht im Regal und für den Verkäufer ist er ein weiterer vor Glück strahlender Kunde. Fast, als ob es schon Weihnachten wäre.