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Chaos um den roten Schal

Dynamische Lagerhaltung im Weihnachtsgeschäft oder wie jedes Geschenk gefunden wird. Der rote Schal hat keinen festen Platz. Irgendwo in Deutschland sucht gerade jemand ein Weihnachtsgeschenk und bestellt einen roten Schal. In Obertshausen beginnt damit eine Bewegung durch ein Lager, in dem die Dinge keinen angestammten Platz benötigen, denn es genügt, wenn das System ihren Aufenthaltsort kennt.

Im Oktober kann man durchaus schon einmal nach Weihnachtsgeschenken schauen. Vielleicht noch eher beiläufig. Jemand sitzt abends auf dem Sofa, entdeckt auf dem Bildschirm einen roten Schal und denkt direkt an einen Menschen, dem er gut gefallen könnte. Trägt der überhaupt Rot? Kurz versucht man, sich an den Mantel zu erinnern. Dann findet man, dass er ohnehin immer etwas zu dunkel angezogen ist.

Wenige Klicks später ist die Bestellung abgeschickt. Ein Weihnachtsgeschenk wäre damit schon gefunden. Man nimmt sich vor, dieses Jahr auch mit den anderen früher anzufangen.

Der Schal selbst liegt zu diesem Zeitpunkt in einem Lager in Obertshausen, warm und trocken. Wer ihn dort ohne Hilfe der digitalen Lagerverwaltung suchen müsste, wäre vermutlich eine Weile beschäftigt. Es gibt nämlich kein Regal, das dauerhaft für rote Schals reserviert wäre, und auch keine vertraute Nachbarschaft aus Mützen oder Handschuhen. Sein Platz war gerade frei, als er ankam, und das genügte auch schon fürs Erste.

Eine Hochzeit im Wareneingang

Einige Zeit vor der Bestellung wurde der Schal gemeinsam mit vielen weiteren Artikeln angeliefert. Im Wareneingang wird geprüft, ob die Lieferung mit den hinterlegten Angaben übereinstimmt. Danach erhält die Ware einen Mühle-eigenen Barcode. Der freie Lagerplatz ist dem System zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt. Jemand nimmt den Schal mit und bringt ihn dorthin. Am Ziel werden Ware und Platz gescannt. Bei Mühle nennt man diesen Vorgang eine Hochzeit.

Seitdem weiß das System ganz genau, wo der rote Schal liegt. In der Fachsprache heißt dieses Prinzip dynamische oder chaotische Lagerhaltung. Der zweite Begriff klingt zunächst, als hätte jemand die Dinge ohne erkennbaren Plan in die Regale gestellt. Wer zu Hause gelegentlich etwas „erst einmal hierhin“ legt, kennt die Schwierigkeiten, die daraus entstehen können. Meist war man sich beim Ablegen noch ziemlich sicher, dass man sich diesen Ort merken würde.

Im Lager wird deshalb festgehalten, wo etwas liegt. Ein Artikel kommt dorthin, wo geeigneter Raum verfügbar ist und sich sein weiterer Weg sinnvoll organisieren lässt. Ein dauerhaft reserviertes Fach braucht er dafür nicht. Neben dem roten Schal könnte also ein Elektroartikel liegen. Im Fach gegenüber vielleicht ein Kosmetikprodukt. Ein Besucher würde die beiden womöglich anders einsortieren. Für die Lagerverwaltung ist entscheidend, dass die Ware für den jeweiligen Platz geeignet und dort eindeutig erfasst ist.

Warum das gerade im Weihnachtsgeschäft sinnvoll ist, lässt sich an einem leeren Fach erklären. Wäre es ausschließlich für rote Schals reserviert, bliebe es nach dem Verkauf des letzten Schals zunächst ungenutzt. Andere Ware müsste andernorts unterkommen, obwohl hier Platz wäre. In einem dynamischen Lager kann das Fach neu vergeben werden. Vor Weihnachten, wenn viele Artikel eintreffen und andere die Halle schon kurz darauf wieder verlassen, lässt sich der vorhandene Raum auf diese Weise besser nutzen. Die Belegung verändert sich laufend. Was wo liegt, muss dabei mit jeder Warenbewegung verlässlich erfasst werden.

Mit unserem Schal geschieht vorerst wenig. Er liegt an seinem Platz, während anderswo bereits gepackt und versendet wird. Bis sich auf einem Sofa jemand dafür entscheidet, dass ein bisschen Farbe im Winter eigentlich ganz gut wäre.

Der Weg durch die Halle

Mit der Bestellung bekommt der Schal ein Ziel. Im System ist hinterlegt, welcher Artikel in welcher Ausführung und Menge gebraucht wird. Ein Mitarbeiter erhält den Auftrag und macht sich auf den Weg. Er muss nicht wissen, wo Schals gewöhnlich zu finden sind. Der Lagerplatz steht auf seinem Auftrag. Selbst wer schon lange in dieser Halle arbeitet, könnte sich auf seine Erinnerung allein kaum verlassen. Im vertrauten Fach von letzter Woche liegt womöglich längst etwas anderes.

Am angegebenen Platz wird der Barcode gescannt und der Artikel mit dem Auftrag abgeglichen. Es soll schließlich genau der Schal sein, den jemand auf dem Bildschirm ausgesucht hat. Bei einem Geschenk kann schon ein anderer Rotton einen Unterschied machen. Nach der Entnahme geht es weiter zur Versandvorbereitung. War der Schal der letzte Artikel auf diesem Lagerplatz, steht der Platz anschließend wieder zur Verfügung. Vielleicht für etwas, das gerade erst angeliefert wird.

Der Schal wird verpackt, das Paket erhält seine Versandangaben. Es ist eines von vielen, die an diesem Tag das Lager verlassen. Der Käufer würde es unter all den anderen vermutlich ebenso wenig erkennen wie zuvor den Schal im Regal. Seinen Inhalt hat er sich allerdings schon recht genau vorgestellt. Vielleicht sogar das Gesicht beim Auspacken. Von den Wegen durch die Halle wird er kaum etwas mitbekommen. Er musste weder wissen, in welchem Gang der Schal lag, noch, wer ihn dort abgeholt hat. Auch die kurze Ehe zwischen Ware und Lagerplatz bleibt ihm verborgen.

Einige Tage später klingelt es an der Tür. Das Paket wird entgegengenommen und geöffnet. Vielleicht prüft der Käufer noch einmal die Farbe oder legt den Schal kurz um die eigenen Schultern, um zu sehen, wie er fällt. Dabei stellt sich heraus, dass man ihn durchaus auch selbst tragen könnte. Aber er ist ja schon für jemanden vorgesehen.

Bis Weihnachten kommt er in den Schrank, hinter die Handtücher. Dort wird hoffentlich niemand nachsehen. Man muss nur selbst noch wissen, wo man ihn hingelegt hat, wenn es ans Einpacken geht.

Unter dem Weihnachtsbaum wird niemand nach seinem früheren Lagerplatz fragen. In Obertshausen ist das Fach längst wieder vergeben und Turnschuhe warten auf ihren ersten Sportunterricht.